Maria Magdalena Z’Graggen

Maria Magdalena Z’Graggen
F3. 2000

Dina Epelbaum, Katalogtext “Schweizer Kunst des 20.Jahrhunderts, Die Sammlung der Nationalversicherung”, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, 2005

Die fünf bemalten Holzstücke erinnern an raffinierte Zuckerwaren oder bunte Patisserie im Schaufenster einer altehrwürdigen Konditorei. Am liebsten möchte man sie berühren, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche befühlen; erkunden, welche Geschmacksnuancen sich entfalten, wenn sie wie delikate Bonbons auf der Zunge zergehen würden.

Die vorliegende Werkgruppe F3 schliesst an die Serie Friandises an – benannt nach appetitlichen Patisseriestückchen, die Maria Magdalena Z’Graggen 1999 begann. In ihr beschäftigte sich die Künstlerin mit Eigenschaften der Farbe wie Farbton, Konsistenz und Struktur. Diese Qualitäten stimulieren neben dem Sehen primär den Tast- und Geschmackssinn des Betrachters.

Maria Magdalena Z’Graggen konzipiert die vorliegenden kleinformatigen Werke als Einzelstücke. Aber erst in der Präsentation mit mehreren Exemplaren werden die Eigenheit jedes Objektes sowie das Eigenleben der Farben richtig wahrnehmbar. Zeichnet sich das mit schrumpeligen und leuchtend-bunten Streifen umschnürte, krapprote Holzobjekt durch seine stellenweise seidig-glänzende Oberfläche aus (Inv. 502), so entdeckt man auf anderen Stücken fliessend-zarte Farbverläufe, Wechselspiele von mehrfarbigen (Inv. 503) und monochromen Partien (Inv. 504), transparenten und kompakten Flächen (Inv. 505), glatten und wulstigen Schichten (Inv. 506). Oder man tastet mit dem Auge die feinen Prägungen schmaler Grate und aufgeplatzter Risse ab, die teilweise durch den Farbauftrag, teilweise durch die Strukturen des Farbträgers in Erscheinung treten (Inv. 504). Die Objekte variieren nicht nur in Oberflächenbeschaffenheit und Farbpalette; jedes zeigt sogar eine andere Erscheinungsform: Zustandsvarianten im Spektrum von scheinbar angetrocknet bis feucht, von zäh- bis dünnflüssig. Mittels der Umschreibung von Materialeigenschaften wie weich, hart, klebrig, sämig, opak, transparent, lässt sich die Vielschichtigkeit der kleinformatigen Werke annähernd begreifen.

So erinnert die Bildfläche von Inv. 503 an die klebrig-cremigen Restspuren einer geschmolzenen Eispraline. Die Farbstreifen in Inv. 505 wirken dagegen hart und sperrig. Sie sind in mehreren Lagen gemalt und heben sich teilweise reliefartig voneinander ab. Wie bei einem mehrmals umwickelten und gut verschnürten Paket, möchte man Schicht um Schicht entfernen. Dass die orangefarbenen Schnüre die Tafel nur vermeintlich umhüllen, wird dort ersichtlich, wo die Streifen an den Rändern nicht weitergezogen sind und der Farbträger Holz ins Blickfeld tritt.

Maria Magdalena Z’Graggen mischt Pigmente und Öl selber. So kann sie die Qualität des erwünschten Farbtons nach ihrem Gusto herstellen. Die Farbe verstreicht sie danach mittels eines Spachtels auf dem hölzernen Untergrund: «Wenn ich die Farbe mit dem Spachtel auftrage, dann variiert einzig der Druck der Hand. Es gibt keine virtuose Pinselführung, keine Schlenker und schon gar keine Figürlichkeiten. Meine einzige Frivolität ist wohl, einen Dressiersack als Arbeitsinstrument zu verwenden.» (Broll 2000)

Die verschieden geformten Holzstücke waren ursprünglich Abfallholz, das die Künstlerin beim Schreiner sorgfältig auswählt, dann abschleift, grundiert und bemalt. Zwischen dem harten, rauen Trägermaterial und der weichen, flüssig anmutenden Konsistenz der Bemalung entsteht ein überraschender Kontrast.

Wie schon zuvor die Friandises sind die fünf Werke niemals Abbilder dekorierter Patisserie. Die Künstlerin versucht vor allem zu ergründen, wie Farbe – als Farbton und Farbmaterial – zugleich sichtbar und geniessbar sein kann. Dennoch liessen sich schon manche Betrachter durch die anreizende Oberfläche der Objekte verführen, sodass einige der fragilen Tafeln durch die Berührung der noch nicht getrockneten Farbe Beschädigungen erlitten.

Z’Graggens Arbeiten führen uns das breite Spektrum des Mediums Malerei vor Augen. Im Spannungsfeld zwischen Bildoberfläche und ihrer Tiefe, zwischen Farbschicht und ihrer Leuchtkraft eröffnen sich neue Räume der Wahrnehmung. Es überrascht nicht, dass ihre Werke in den Vereinigten Staaten, wo die Künstlerin einen Teil ihrer Ausbildung absolvierte und sich seither immer wieder für längere Zeit aufhält, auf besonderes Interesse stossen. Sie greifen nämlich die grundlegenden Fragen auf, die in der jüngeren amerikanischen Malerei aktuell sind: zum einen das unmittelbare Erlebnis des Betrachters vor der Bildfläche; zum anderen geht es neben der visuellen Wirkung um die Materialität von Malerei in der Schwebe zwischen Tafelbild und Objekt.