Maria Magdalena Z’Graggen

Isabel Friedli: Maria Magdalena Z’Graggen

Katalogtext Arbeiten auf Papier - Havanna 2006 von, Oktober 2006, Herausgeber Galerie Martin Flaig Basel

Hält man eine Muschel ans Ohr, hört man das Meer rauschen. Es ist der innere Blutkreislauf, sagt der Verstand. Es ist das Brausen des Ozeans, meint der kindliche Wunsch. Betrachtet man die Bilder von Maria Magdalena Z’Graggen begegnet man Sternbildern, Insektenschwärmen und wirbelnden Blutkörperchen. Es ist bloss Farbe auf Papier, sagt die kühle Räson. Es ist eine geheimnisvolle Formenwelt, die mehr verrät als dargestellt ist, weiss das Auge.

«Zeichne mir ein Schaf», bat der kleine Prinz von Saint-Exupéry den Piloten. «Das ist eine Schachtel. Das Schaf, das du suchst ist da drin», so der Kommentar des Fliegers zu seiner Zeichnung. In den Bildern von Maria Magdalena Z’Graggen wimmelt es von Behältern, in denen man kraft Einbildung und Fantasie verborgene Abbilder und wiedererkennbare Gestalten vermutet. Dennoch bewachen Klarheit und Transparenz das Bildgefüge, nichts ist versteckt, alles fügt sich zusammen als wären kosmische Magnetfelder am Wirken.

Form und Farbe finden zueinander in vielfachen Variationen und spielerisch verschiedene Prinzipien durchmischend: Ordnung und Zufall, Wiederholung und Variation, Regelmässigkeit und Abweichung. Es sind Spiegelbilder der Wahrnehmung in allen Schattierungen und Wendungen, aufgelöst in pure Farbwerte und elementare Formen.

Die neue Werkgruppe ist in Kuba entstanden. Havanna: Einzigartige Stadt, verwunschen und unwirklich wie Atlantis und doch grell existierend, verarmt aber herrschaftlich, pulsierend und pochend, ein ständiger Ausstoss von Impulsen. Ein guter Ort für eine Grenzgängerin mit einem unverstellten Blick für Ambivalenzen und Zwischentöne.

Ein halbes Jahr hat die Künstlerin dort verbracht, inmitten von Farbfontänen und Schallwellen. Nur wenig hat sie mitgenommen auf die Insel, Aquarellfarben, Stifte und Papier: Radikale Reduktion der Mittel, innere Einstellung und Angleichung an die äussere Umgebung. Von der einstigen Zusammengehörigkeit der Blätter spricht der fein gezahnte Rand, herausgerissen aus dem Heft redet das einzelne Blatt von der nicht abreissenden Folge ungleicher Tage wie Seiten aus einem Tagebuch. Es sind Aufzeichnungen oder Einstellungen wie in einem Film, den man trotz zeitlichen Sprüngen als Sequenz versteht. Es wäre aber verfehlt, die Bilder als zusammenhängendes Ganzes zu begreifen, entstanden ist vielmehr ein loser Verbund.

Fliehkraft und ins Zentrum drängende Verdichtung stehen in jeder Komposition im Gleichgewicht ohne sich aufzuheben. Hier scheint die Figuration über die offenen Ränder des Bildfeldes hinweg zu verströmen, dort vermittelt die Ausgewogenheit der Choreographie den Eindruck von stimmiger Geschlossenheit.

Aquarellieren: Feste Stoffpartikel werden in Wasser aufgeschwemmt, in Bewegung versetzt und abgelagert. Die Wahl der Technik passt zu Aufbruch und Ablösung von Gewohntem und der Erforschung von fremdem Terrain. Weit weg ist der modellierende Farbauftrag der früheren Arbeiten, in denen dickflüssige Ölfarbe mit dem Spachtel verstrichen sich aufbäumte.

Verdünnt sind jetzt die Spuren, durchsichtig zunächst und schimmernd, neue Farbtöne ergeben sich in den Schnittmengen der Ebenen, beigemengte weisse Farbe verdickt die Lasur. Umrisse sind klar abgegrenzt wie Inseln auf einer Landkarte, Unregelmässigkeiten und zerfliessende Farbverwirbelungen ergeben sich nur in Binnenbereichen. Unebenheiten und Höhungen des Papiers zeichnen sich ab, Pigmente sammeln sich in den Senkungen. Auf der planen Fläche des Malgrundes bilden sich Verwerfungen, vom Wasser genässt wellt sich das Papier.

Wie Plankton schaukelt die Malerei in einem Schwebezustand zwischen figurativ und abstrakt. In diesem deutungsoffenen Zustand entlockt sie Vorstellungen von amorphen Gebilden: Urgeschichtliche Organismen, ans Land gespült und sich zu Zellverbänden entwickelnd. Ansiedlung zäher Pionierpflanzen auf ungastlichem Boden, ein Lidschlag später: Die ersten Fussspuren auf dem Mond. Auf einem Blatt mutet das Lineament der anschwellenden und abklingenden Farbbahnen, das Aussetzen des Strichs und die Wiederaufnahme nach einer Pause an wie eine musikalische Notation, unterschwellig erklingen helle und tiefe Töne. Mal drängt der innere Rhythmus die Elementarteilchen zur Ausbildung regelmässiger Formen wie Blütenblätter einer Blume, mal kreisen Flugkörper auf quergestreifter Landschaft, dann kreuzt sich die Himmelsbahn zweier Kometen. Der Zauber der Bilder wird verstärkt durch die Flüchtigkeit der gestaltsehenden Wahrnehmung.